Rainers Kulturecke
Kulturmagnat







Spieltag 14









Berliner Lokalteil







Wenn die Sonne fehlt, wenn der Regen läuft
Wenn die Unterschicht das Kindergeld versäuft
Wenn die Hunde wachen, ihre Haufen machen

Ja, dann sind wir wieder in Berlin


Wenn die Fahrradfahrer uns vom Bordstein fegen
Die Verrückten in der U-Bahn wieder laut mit sich selber reden
Wenn die Stressercliquen dann ihr Zeug verticken

Ja, dann sind wir wieder in Berlin


Wenn die Autofahrer kurz am Amok streifen
Und die Hostelhorden durch die Straßen geifern
Wenn die Gullis stinken und die Pärchen winken

Ja, dann sind wir wieder in Berlin


Wenn die Freiberufler die Cafés besetzen
Und die Laptopposer sich auf's Neu vernetzen
Mit den Kreativen und den ganz Naiven

Ja, dann sind wir sicher in Berlin


Wenn die Parkausflügler dann die Schwäne füttern
Und die Allerblödsten es gleich weiter twittern
Wenn wir zum Vorglühen durch die Spätis ziehen

Ja, dann sind wir alle in Berlin


Wenn die Ökoeltern sich zum Brunchen treffen
Und die Arschlockkinder durch die Cafés kläffen
Wenn der Service hinkt und' s nach Babykotze stinkt

Ja, dann sind wir wieder in Berlin


Wenn die Technoleichen zur Afterhour schleichen
Und nur die Halbverstrahlten Contenance behalten
Wenn die Druffis taumeln und die Durchis jaulen

Ja, dann sind wir wieder in Berlin



Text und Gesang : Christiane Rösinger









Spieltag 13



Zum Wechsel der Jahreszeiten



Der Herbst


So frisch die Luft! Der Wald so bunt!
Froh tanzen Wind und Regen!
Froh holst du dir die Grippe und
Dann heißt es Blätter fegen.

So tief der Matsch! Der Fuß so taub!
Wild küsst der Sturm die Nässe!
Wild legst du dich auf dunklem Laub
Hell jauchzend auf die Fresse.

Und weil du grad am Boden bist:
Erst fault der Ast, dann fällter.
Wie gut, dass bald schon Winter ist:
Noch blöder und noch kälter.



Der Winter


Vor Kälte tut die Birne weh.
Erfroren sind die Flossen.
Wir fallen um auf glattem Schnee
Wie hinterrücks erschossen.

Wir wickeln uns in Felle ein
Und nehmen Grog zum Zechen.
Wir schlafen auf der Stelle ein
Und hören auf zu sprechen.

Wir machen dickes Fett aufs Brot.
Es hört nicht auf zu schneien.
Ab morgen stellen wir uns tot
Und wecken uns im Maien.


Thomas Gsella











Spieltag 12







21. November
Welttag des Fernsehens








Tatort Sonntag



Es muss ein toter Dialog
noch dreizehn Mal krepieren,
es zieht als Übung und Prolog,
damit die Kunden frieren,

wie in Jahrhunderten gewöhnt,
der Glotzenfrost durchs Zimmer.
Die Kundschaft weiß Bescheid und stöhnt:
Nach schlimm kommt immer schlimmer !

Nach Tatort kommt die Kaltmamsell,
die kreischende Platine.
Genannt „das sprechende Skalpell“,
die tötliche Sabine.

So war und ist und bleibt es Brauch,
und heißt Sabine hinten Jauch
beziehungsweise Jauch auch Will:

´

Nach Tatort bleibt die Glotze still !



Fritz Eckenga



Illustration : Gerhard Haderer
Musik : Thomas Doldinger

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Spieltag 11



Meine Meinung


Sehr geehrte Dam´n und Herrn,
meine Meinung sag´ich gern:

Rassentrennung in Schwarz/Weiß ?
Ein hanebüch´ner Fascho – Scheiß.

Dichotomien wie Linke/Rechte ?
Auch nichts, das ich streng verfechte.

Grönemeyer, Westernhagen ?
Schlagen schlimm mir auf den Magen.

Macintosh und Microsoft ?
Überzeugen mich nicht oft.

Für kriegerische Übergriffe
Hab übrig ich bloß Buhs und Pfiffe;

Auch die Qual von Tieren
Geht mir an die Nieren;

Furchtbar find´ich Fememord,
Und so weiter und so fort....

Doch daß die Welt sich weiterdreht,
Zeugt meiner Meinung nach
Von toller Jovialität.

Schönen guten Tach.



Frank Schulz
aus:
Naturlyrik, Anfängerkurs


...und anläßlich des Todes von Ingo Insterburg
noch dies :


Ein Pelikan konnt nicht mehr fliegen,
er war ja schon ein alter.
Er geht in ein Korsettgeschäft
und kauft ´nen Federhalter.



Der Bauer mit dem Traktor
fährt auf dem Acker Dung.
Sein Sohn, der in der Stadt studiert,
der liest Mao Tse-tung.

Aus: Insterburg und Co,
Gedichte aus dem Handgelenk
geschüttelt und aufgelesen









Spieltag 10








Sonderausgabe zum Hubertustag





Die Rebhuhnjagd


Ich ging im Walde
So kreuz und quer;
Ein Rebhuhn zu jagen,
Das war mein Begehr.

Ich fand ein Rebhuhn
Im dunklen Tann
Und legte eilig
Die Flinte an.

Ich wollte schießen,
Da sprach es leis:
„Du lieber Jäger ,
Komm, lass den Scheiß !“

Es bat so innig,
Da gab ich auf;
Ich ließ mich rühren
Und senkte den Lauf.

Da zog´s den Revolver
Und knallte mich ab;
Jetzt lieg ich seit Stunden
Im Waidmannsgrab.

Oh Rebhuhn, du Falsches,
Dein Trachten war Mord !
Ach, hätt´ich beherzigt
Des Oheims Wort !

Er warnte mich damals,
Bevor er verblich:
„Das Waidwerk, mein Junge,
Das ist nichts für dich.

Rühr nie ein Gewehr an,
Sonst wirst du nicht alt.
Studier Informatik
Und meide den Wald !“



Christian Maintz




Jagdhornsignal : Flugwild Tot










Spieltag 9




Tucholsky´s Kommentare


Das Volk steht auf...


Das paßt euch so. Ihr gröhlt und brüllt
von Friedensdemokraten;
in dickem Pfeiffenrauch gehüllt
ruft ihr nach mehr Soldaten.
Obristenfrauen schrein und krähn
mit euch : Marsch-Marsch! Nach Flandern !
Es sollen dorthin sterben gehen

die Andern, die Andern !

Die Todespein der Andern schwand
in Urlaubstag – und Nächten.
Ihr liebt nicht euer Vaterland !
Ihr hängt an Vorzugsrechten !
Das hamstert, schickt und schwatzt so nett
bei braungebratenen Zandern.
Die zwanzig Gramm vom Pflanzenfett

den Andern, den Andern !

Die Zeit ist aus. Die Andern stehn
und recken ihre Glieder.
So lang geduckt. Und nunmehr sehn
sie sich als Menschen wieder.
Der Friede kommt. Und ist er hier,
dann kommt das Heimwärtswandern.
Die Zeit ist aus. Jetzt kommen wir:

Die Andern ! Die Andern !


Theobald Tiger am 31.10. 1918
in der Weltbühne


[11 Tage vor dem Ende des 1. Weltkriegs]











Spieltag 8





Liga – Lyrik
von O – P


[ O wie Andreas Okopenko ]


Kinderreim

Alte Leute muß man treten,
weil sie sonst für einen beten.




[ P wie Reinhard Priessnitz ]


Lage ?
Nebel !
Leben ?
Egal !








Spieltag 7









Berliner Lokalteil








Nachgelassener Zettel an den
Logiskameraden



Du schliefst so schön, drum zog ick Leine
Und hab´dir nich erst aufjeweckt.
Die fuffzehn Mark im Kasten war´n wohl deine ?
Ick hab sie vorsichtshalber eingesteckt.

Such, wennde aufstehst nicht erst deine Hose,
Ick war erstaunt, wie die mir passt.
Und denk an meine Zwangspsychose,
Wennde auch kein Jackett mehr hast.

Det ick nach Köln will, war jelogen.
Ick mach nach Dings. Doch sei darüber still.
Der Adressat ist unbekannt vazogen,
Falls de Behörde etwas von mir will.

Leb wohl, ick hab sehr jut jenächtigt,
Doch hierzubleiben hätte keinen Sinn,
Ick will nich, daß man mich vadächtigt,
Solange ich noch jreifbar bin.


Werner Finck



...kurz vor Redaktionsschluß
erreichte uns noch folgende


Beschwerde



Was
hat der
mir zu sagen denn ?
Weil der seine Arbeit
für so wichtig nimmt ?

Andauernd mit sein
Spazierstock
Papier uffpieken,
Leute anmeckern,
Parkwächter rauskehrn,
wie wenn alle Bäume
bei ihm jelernt hätten
inne Höhe zu wachsen.

Soll bloß mal uffpassen,
wer da morjen nacht
hinterm Baum steht
und Schön juten Abend
zu ihm sagt.


Günter Bruno Fuchs


Musik : Ausschnitt aus Zu Asche zu Staub
Babylon Berlin









Spieltag 6



27. 9. Welttourismustag




„Hier stimmt endlich auch mal das
Preis-Leistungs Verhältnis !“




Der Wanderer


Viel hätte nicht gefehlt,
er hätte aufgeschrien.
Da lag das Meer vor ihm
auf das die Sonne schien.
Und fliegende Fische !

So lange unterwegs,
daß er zu träumen meint.
Da liegt das Meer vor ihm,
und eine Sonne scheint
auf fliegende Fische.

Zu schön, um wahr zu sein,
er hat rasch kehrtgemacht.
Als er dann innehielt,
war Berg um ihn und Nacht.
Und heulende Hunde.


Robert Gernhardt



Illustration : Hans Traxler








Spieltag 5




Septembersee



Du hast also schon vor Beeren gekniet ?
Ja, ich hab schon vor Beeren gekniet.
Erkläre dich deutlicher !

Denk dir einen Waldsee, denk dem
See ein steiles Ufer, denk dir
dieses Ufer dicht bewachsen.
Denk ihm Binse, Minze, Weide,
denk das alles schön gespiegelt -
hast du´s ?
Ja.

Denk die Mittagssonne. Denk das
Wasser leicht gekräuselt. Denk den
milden Wind. Denk der Libellen
stetes Unstetsein. Denk dazu
hoch den schrillen Schrei des Bussards -
hörst du´s ?
Ja.

Denk dir einen Schwimmer. Laß ihn
mit dem Licht durchs Wasser gleiten.
Denk wie er sich denkt : Was hängt da
derart dunkel, derart glitzernd,
derart lockend in die Fluten -
siehst du´s ?
Nein.

Denk dir eine Brombeerhecke.
Denk sie zwischen Schilf und Weide.
Denk sie hart im Licht des Mittags.
Denk sie derart voll von Beeren,
daß sie bis ans Wasser rühren -
siehst du´s jetzt ?
Ja.

Denk den Schwimmer. Denk die Beeren.
Denk ihr Locken. Denk sein Nähern.
Denk sein Knie. Denk wie´s auf Grund stößt.
Denk sein Knien. Denk sein Schwelgen.
Spürst du´s ?
Ja ?

So also hast du von Beeren gekniet ?
Ja, so hab ich vor Beeren gekniet.
Das erklärt natürlich einiges.


Robert Gernhardt







Spieltag 4








Arbeitsagentur Aktuell


Krisensichere Berufe – zu Unrecht geschmäht
Teil 1


„ Soso ! Nr. 3 fehlt wegen Muskelkater !
Zum dritten Mal in dieser Woche !
Der Herr scheint sich ja sehr sicher zu fühlen ! “


...und in der nächsten Ausgabe :
Teil 2
Verfassungsschutzpräsident

Graphik : Hans Traxler - Muskelkater
Audio : The Rowing of the Galley Slaves – Ben Hur








Spieltag 3




Einkaufsblues


Neulich Abend ist´s gewesen,
Hier ums Eck, bei Edeka,
Als ich hinterm Aufschnitt-Tresen
Dich, du Holde, stehen sah.

Weihnachtsengelblonde Locken,
Bernsteinaugen, Erdbeermund -
Himmel, war ich von den Socken,
Dachte : Donnerwetter ! und :

Wird das Schicksal uns vereinen ?
Enden meine Seelenpein ?
Süßer Blick ! Er traf den meinen
Und du sprachst : „ Was darf´s denn sein ? “

Wardst du meiner Liebe inne ?
Ach, du lächeltest kokett !
Beinah schwanden mit die Sinne,
Doch ich sagte : „ Zwiebelmett,

Hundert Gramm, und eine Schnitte
Leberkäs.“ Das gabst du mir.
Und du sprachst : „ Der Nächste bitte.“
Wortlos wankte ich zur Tür.

Später stand ich auf der Straße,
Regen wehte in mein Ohr,
Und mir kam in hohem Maße
Dieses Leben sinnlos vor.

Nächste Woche werd´ich´s wagen;
Fragst du dann : „ Was darf es sein ?“
Werd´ich laut und deutlich sagen:
„ Du, Geliebte, du allein !“

Christian Maintz
aus
„ Liebe in Lokalen “








Spieltag 2



Journée du championnat deux










Neues von der
Deutsch-Französischen
Freundschaft




https://www.youtube.com/watch?v=6lmemv-FIig








Spieltag 1






Liebe Freunde und Freundinnen des gepflegten Rasensports,
es laufen die letzten Trainingseinheiten vor Beginn
der neuen Bundesligasaison.

Ich hoffe die WM ist verdaut, die Lehren sind gezogen;
Trikots frisch gewaschen , Fußballschuhe geputzt!

Dann bleibt nur noch,
die Neuzugänge aus Köln und Berlin zu begrüßen,
allen eine schöne Spielzeit zu wünschen
und natürlich

die.....

Letzte Ansprache des Trainers

Leute! Heute! Alle Mann! Raus! Und jeder! Los!
Alle! Einer! Was er kann!
Mannschaft!
Schangse!
Groß!

Männer! Jeder! Hinten! Und! links! Und rechts!
Und ab! Und alles! Volles Pfund!
Vollgas! Keiner
schlapp!

Noch mal! Männer! Heute! Ja! Gegner auf dem Schuh!
Augen offen! Hier und da! Brust raus!
Räume
zu!

Leute! Noch mal! Alle! Ihr! Nur zusammen Star!
Männer! Mannschaft! Heute wir!
Jeder! Immer!
Klar!


Und außerdem dürfen wir natürlich nie vergessen
dass wir hinten kompakt stehen müssen, wenn
wir im Mittelfeld die Räume haben wollen,
um die Pässe so in die Tiefe zu spielen,
dass unsere Spitzen nicht in der
Luft hängen. Und jetzt
raus! Männer!
Und dann
alles!



Fritz Eckenga